Der letzte Übersetzer
Lehrt er einen Fremden seine heiligen Worte oder nimmt er die Sprache mit ins Grab?
Beginning
Am Ende der Straße, dort, wo der Asphalt in Schotter und der Schotter in das nasse Gras der Halbinsel überging, stand das Haus des Ambros Veil, und in dem Haus wohnte, wie in einem letzten, kaum noch bewohnbaren Gehäuse, die letzte Sprache der Welt, die nur er noch sprach. Sie hieß, in ihrer eigenen Zunge, ein Wort, das sich nicht übersetzen ließ, ohne dass etwas von ihm abbrach wie Salz von einem Stein; die Gelehrten, die alle paar Jahre kamen und wieder gingen, hatten sie das Vöhrische genannt, nach dem Dorf Vöhr, das es nicht mehr gab, dessen Häuser das Meer und die Zeit genommen hatten, eines nach dem anderen, wie ein geduldiger Gläubiger, der weiß, dass ihm am Ende alles zufällt.
Ambros war neunundachtzig Jahre alt. Er hatte die Sprache von seiner Mutter gelernt und von den Alten, die am Ofen saßen und Geschichten erzählten, in denen die Wörter für das Meer andere waren, je nachdem, ob es gab oder nahm, in denen es sieben Namen für das Licht auf dem Wasser gab und keinen einzigen für Eile, in denen ein Mensch nicht sagte, dass er jemanden liebte, sondern dass er ihn in seiner Sprache trage, wie man ein Kind über eine Furt trägt. Er hatte, in seinem langen Leben, jeden Menschen sterben sehen, mit dem er diese Wörter je hatte tauschen können; er hatte seine Frau begraben, die noch die Lieder gekannt hatte, und seinen Bruder, der die Netze auf Vöhrisch geflickt hatte, und zuletzt hatte er die Sprache nur noch mit sich selbst gesprochen, halblaut, beim Gehen am Wasser, damit sie ihm nicht im Mund verkrustete wie ein Brunnen, aus dem niemand mehr schöpft.
Nun saß ihm eine Fremde gegenüber, an dem Tisch, an dem einmal acht Menschen gesessen hatten. Sie hieß Lena Kron, sie kam von einer Universität weit im Süden, und sie war jung genug, um seine Enkelin zu sein, und alt genug, um zu wissen, dass sie zu spät kam. Sie hatte ein kleines Gerät auf den Tisch gelegt, das mit einem roten Auge aufzeichnete, was gesprochen wurde, und sie hatte Ambros, in ihrer sorgfältigen, im Süden gelernten Höflichkeit, erklärt, was sie wollte: dass er ihr die Sprache lehre, alle Wörter, alle Formen, die Lieder und die Namen und, wenn er es über sich brächte, auch jene Wörter, von denen die früheren Gelehrten geflüstert hatten, die heiligen Wörter, die man nur an den drei Nächten sprach, in denen das Jahr sich wendete, und die kein Fremder je gehört hatte. Sie wolle die Sprache retten, sagte sie, ehe sie stürbe. Sie wolle, dass sie nicht verlorengehe.