TellAria

Sinfonie der Auslöschung

Schreibt er eine Klage über das Vergehen oder eine Hymne auf das Leben?

Beginning

Sie nannten es den Schatten, weil kein anderes Wort seiner Natur so nahe kam und weil die Astronomen, die es zuerst gesehen hatten, ihre Fachbegriffe längst aufgegeben hatten vor etwas, das keine ihrer Formeln mehr fassen konnte. Es war keine Wolke und kein Stern und kein schwarzes Loch nach der alten Wissenschaft; es war eine Grenze, die sich durch den Himmel zog, eine Front, hinter der die Sterne einer nach dem anderen erloschen, nicht explodierten, nicht verglühten, sondern einfach aufhörten zu sein, als lösche eine Hand sie aus, und diese Front kam näher, Nacht für Nacht, mit einer Gleichmäßigkeit, gegen die es keine Berufung gab. Man hatte gerechnet, in den ersten Jahren, mit der Wut der Bedrohten; man hatte gehofft, gebetet, geplant, geflohen, und nichts davon hatte den Schatten aufgehalten, der weder Bosheit kannte noch Gnade, sondern nur seinen Gang. Zuletzt hatte man aufgehört zu rechnen, außer in einer einzigen Zahl, die nun in allen Sprachen dasselbe bedeutete: hundertunddreißig Tage, dann würde der Schatten die Erde erreichen, und mit ihr alles, was je gedacht, geliebt und gesungen worden war.

In diese hundertunddreißig Tage hinein trat, an einem grauen Morgen, ein Bote der letzten Regierung, die sich noch so nannte, in das stille Haus am Rand der Stadt, in dem Anton Vesper wohnte, und überbrachte ihm den seltsamsten Auftrag, den je ein Mensch einem anderen erteilt hat. Anton Vesper war zweiundsiebzig Jahre alt und galt seit Jahrzehnten als der größte lebende Komponist, ein Mann, dessen Werke man spielte, wenn eine Nation trauerte oder jubelte, und der in den letzten Jahren, ehe der Schatten kam, verstummt war, aus jenem Überdruss der Vollendeten, die nichts mehr zu sagen zu haben glauben. Nun bat man ihn, noch einmal zu sprechen. Man bat ihn, das letzte Werk zu schreiben – die Sinfonie, die in der letzten Nacht, wenn der Schatten schon am Horizont stünde, aufgeführt und über alle noch bestehenden Netze der Erde in jeden Winkel getragen werden sollte, damit die Menschheit nicht schweigend erlösche, sondern mit einem Klang, der sie war und der von ihr Zeugnis ablegte, ehe das große Verstummen kam. »Sie sollen«, sagte der Bote, und seine Stimme brach dabei, »der Menschheit ihre letzten Worte geben. Es gibt keine höhere Ehre, und keine schwerere.«

Anton Vesper nahm den Auftrag an; er nahm ihn an, ehe er wusste, ob er ihn erfüllen konnte, denn ein solcher Auftrag lässt sich nicht ablehnen, so wenig wie man den Tod ablehnen kann, der einen ruft. Aber als der Bote gegangen war und Vesper allein in seinem Arbeitszimmer stand, in dem der Flügel schwarz und schweigend wartete und durch die hohen Fenster das fahle Licht eines Himmels fiel, an dem schon jetzt, wenn man genau hinsah, in den Nächten weniger Sterne standen als in seiner Jugend, da überfiel ihn die ganze Ungeheuerlichkeit dessen, was man von ihm verlangte, und er setzte sich auf die Bank vor dem Flügel und rührte die Tasten nicht an, tagelang, denn er wusste nicht, was er schreiben sollte.