TellAria

Der Prozess gegen das Schweigen

Spricht sie das gerechte Urteil oder schützt sie ihr lebenslang gehütetes Geheimnis?

Beginning

Vierzig Jahre lang habe ich geglaubt, das Schweigen sei ein Ort, an dem man sicher wohnen kann. Vierzig Jahre lang habe ich in ihm gewohnt, habe seine Wände tapeziert mit Titeln und Urteilen und dem tadellosen Ruf einer Frau, die die Gerechtigkeit dient wie andere Menschen einem Gott, und ich habe mir eingeredet, dass die Stille, in der ich lebte, Frieden sei. An dem Morgen aber, an dem die Akte Reimann auf meinem Richtertisch lag, begriff ich, dass das Schweigen kein Haus ist, sondern ein Grab, und dass ich es nie bewohnt, sondern immer nur bewacht hatte – die ganze Zeit, mein ganzes Leben lang, hatte ich Wache gehalten vor einem Grab, in dem ein Mensch lag, den ich hatte sterben lassen, indem ich nichts sagte.

Man kennt mich in dieser Stadt. Man nennt meinen Namen mit jenem gedämpften Respekt, den man den Unbestechlichen zollt: Dr. Cornelia Waldner, Vorsitzende Richterin, eine Frau, deren Urteile man zitiert, deren Strenge man fürchtet und deren Redlichkeit niemand je in Zweifel gezogen hat. Ich habe diesen Ruf verdient, in dem einen Sinne, in dem man ihn verdienen kann – durch vier Jahrzehnte peinlicher Gewissenhaftigkeit, durch tausend Urteile, die ich nach bestem Wissen und Gewissen gefällt habe, durch eine Härte gegen mich selbst, die härter war als gegen jeden Angeklagten. Was niemand weiß, was ich in vierzig Jahren keinem Menschen gesagt habe, nicht meinem verstorbenen Mann, nicht meinem Beichtvater, den ich nie hatte, nicht dem Spiegel, in den ich am Morgen zu blicken gelernt habe, ohne die Frau darin zu fragen: dass diese ganze Redlichkeit auf einer einzigen, ungeheuren Lüge ruht, auf einem Schweigen, das ich mit zweiundzwanzig Jahren begann und das seither jeden Tag meines Lebens grundiert hat wie eine Farbe, die man unter allen anderen Schichten nicht mehr sieht und die doch den Ton des ganzen Bildes bestimmt.

Der Angeklagte, über den ich nun zu Gericht sitze, heißt Professor Ludwig Reimann, und er ist heute ein Greis von fünfundachtzig Jahren, gebeugt, zitternd, mit dem milden, verwirrten Blick des sehr alten Mannes, den zu verurteilen roh erscheint. Man hat ihn, nach vierzig Jahren, vor Gericht gebracht, weil neue Zeugen aufgetreten sind, weil sich eine junge Journalistin in die alte Geschichte verbissen hat, die Geschichte eines Todes, den man damals als Selbstmord zu den Akten legte: der Tod der Studentin Judith Falk, die man an einem Novembermorgen des Jahres, in dem ich zweiundzwanzig war, tot am Fuß der Treppe im Institut fand, und deren Sturz man ihrer angeblichen seelischen Zerrüttung zuschrieb. Reimann war ihr Professor gewesen, ihr Doktorvater, ihr Geliebter, wie manche flüsterten; und Judith Falk war meine Freundin, die einzige, die ich in jenen kalten, ehrgeizigen Jahren hatte.