TellAria

Das Paradoxon des Wächters

Bricht er die Schleife oder akzeptiert er, ein Teil des Schicksals zu sein?

Beginning

Es gibt eine Sekunde in der Geschichte der Menschheit, die man in den Archiven des Wächteramtes nur die Sekunde nannte, ohne weiteren Zusatz, weil jeder wusste, welche gemeint war: die Sekunde, in der die Zeit selbst zu zerbrechen begann. Man nannte das Ereignis den Bruch, und es war keine Explosion und keine Schlacht und keine Seuche, nichts, das ein Auge hätte sehen können; es war ein Riss in der Struktur der Kausalität, ein Punkt, an dem die Fäden von Ursache und Wirkung, die seit dem Anbeginn straff und ordentlich durch die Zeit gelaufen waren, sich zu verheddern und zu zerreißen begannen, sodass Wirkungen ihren Ursachen vorauseilten, sodass Erinnerungen an Dinge auftauchten, die nie geschehen waren, sodass die Menschen, langsam zuerst und dann in einem entsetzlichen Sturz, das Vermögen verloren, zwischen dem, was war, dem, was ist, und dem, was sein wird, zu unterscheiden. Nach dem Bruch, so hieß es, gab es kein Nachher mehr, nur noch das Zerfließen aller Zeiten ineinander, den Wahnsinn einer Gattung, die aus dem Fluss der Zeit herausgefallen war wie ein Fisch aufs Trockene.

Corin Vale war einer der wenigen, die man ausersehen hatte, dies zu verhindern. Er war ein Wächter, ausgebildet in den unterirdischen Chronarien der letzten stabilen Enklave, gedrillt in der einzigen Kunst, die der Menschheit noch die Rettung versprach: dem Gang gegen den Strom der Zeit, hinab zu jenem Punkt, an dem der Bruch entstand, um die Ursache zu finden und zu tilgen, ehe die Wirkung sich in alle Ewigkeiten fräße. Man hatte ihn zurückgeschickt, an jenen Tag im einundzwanzigsten Jahrhundert, an dem, wie die Berechnungen der Chronometriker mit erschütternder Genauigkeit zeigten, der erste Riss entstanden war – in ein Laboratorium, in eine Stadt, in eine Sekunde, die er nun, endlich, nach Jahren der Vorbereitung, mit eigenen Augen betreten hatte.

Und hier, in dieser Sekunde, begann das, was die Wächter unter sich, mit einem Schaudern, das Paradoxon nannten.