Imperium aus Glas
Rettet die Erbin das Familienimperium oder lässt sie es würdevoll untergehen?
Beginning
Das Licht, für das die Marholt'schen Kristallwerke in ganz Europa gerühmt wurden, fiel an jenem Novembermorgen des Jahres 1905 durch die hohen Fenster des Palais in der Wiener Herrengasse und zerlegte sich, wie es das seit dreißig Jahren tat, an den geschliffenen Prismen der großen Lüster, die Augustin Marholt einst mit eigener Hand entworfen hatte. Es warf zitternde Regenbögen über die Wände, über die goldgerahmten Ahnenbilder, über den Sarg aus schwarzem Ebenholz, der mitten im Salon stand und in dem der Erbauer dieses ganzen gläsernen Reiches nun lag, klein und grau und endlich still, ein Mann, der die Sonne des Habsburgerhofes in seinen Kronleuchtern gefangen und damit ein Vermögen gemacht hatte und der doch, wie sich in den kommenden Tagen zeigen sollte, sein eigenes Haus auf einem Fundament aus eben jenem Stoff errichtet hatte, den es verherrlichte: auf Glas, das im richtigen Licht die Welt bedeutet und beim kleinsten falschen Druck in tausend Scherben zerspringt.
Valerie Marholt stand am Fußende des Sarges und betrachtete das Gesicht ihres Großvaters mit einer Trockenheit der Augen, die ihre Tanten für Kälte hielten und die in Wahrheit die Erschöpfung eines Menschen war, der zu viel wusste, um noch weinen zu können. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt, unverheiratet – ein Skandal für sich in diesen Kreisen –, und sie war die Einzige der ganzen weitläufigen Sippe, die in den letzten drei Jahren, seit der alte Mann die Bücher nicht mehr selbst geführt hatte, wirklich hineingesehen hatte in das Innere des Imperiums, das die Familie mit der träumerischen Sicherheit der Reichen für unerschütterlich hielt. Und was sie gesehen hatte, ließ sie in dieser Stunde, da die Verwandtschaft um den Sarg trauerte und im Stillen bereits die Beute verteilte, das Einzige tun, was ihr angemessen schien: rechnen.
Denn das gläserne Reich war krank, und niemand außer ihr wusste, wie krank. Nach außen glänzte es ungebrochen: Die Werke in Böhmen lieferten noch immer die Lüster für die Opernhäuser von Paris bis Sankt Petersburg, die Trinkservice für die Höfe, die Fenster für die Kirchen der neuen Zeit; der Name Marholt stand auf den Rechnungen der halben europäischen Aristokratie, und im Palais gab man Feste, von denen die Zeitungen in einer Sprache berichteten, als handle es sich um Staatsakte. Aber unter dieser schimmernden Oberfläche fraß sich der Verfall. Der alte Marholt, in seinen letzten Jahren dem Ruhm verfallen und dem Cognac, hatte gebaut und gebaut – eine zweite Fabrik, eine dritte, ein Palais in Ischl, eine Kunstsammlung, eine Baronie, die er sich beim Kaiser erkauft hatte –, und er hatte alles auf Kredit gebaut, auf das Vertrauen der Banken in einen Namen, der lauter klang, als er wog. Die neue Zeit aber, die maschinengepresste, die amerikanische, fertigte das Glas billiger, schneller, gleichgültiger; die kunstvolle Handarbeit, auf der der Ruhm des Hauses beruhte, wurde zum Luxus einer sterbenden Welt, und die Zinsen wuchsen schneller als die Aufträge. Valerie hatte es errechnet, in vielen Nächten, in denen sie mit der Petroleumlampe über die Kontobücher gebeugt gesessen hatte: In achtzehn Monaten, vielleicht in zwei Jahren, würde das Imperium aus Glas nicht mehr glänzen, sondern splittern, und die halbe Familie mit ihm in den Ruin stürzen.