Die Mathematik der Sterblichkeit
Veröffentlicht er seine Theorie oder vernichtet er sie aus Furcht vor ihren Folgen?
Beginning
Man hat mir gesagt, ich habe noch vier Monate, vielleicht fünf, und ich habe die Nachricht mit jener eigentümlichen Gelassenheit aufgenommen, die einen Mathematiker befällt, wenn ihm ein Ergebnis mitgeteilt wird, dessen Herleitung er längst geahnt hat. Das Gliom in meinem linken Schläfenlappen wächst, so erklärte mir die Onkologin mit dem sanften, geübten Bedauern ihres Standes, exponentiell – ein Wort, das sie benutzte, um mir die Unaufhaltsamkeit begreiflich zu machen, und das mich im Stillen zum Lächeln brachte, denn ich habe mein Leben dem Studium eben jener Kurven gewidmet, die nun mein eigenes Ende beschreiben. Es liegt eine Ironie darin, die zu bitter wäre, um komisch zu sein, wenn sie nicht zugleich so vollkommen wäre: dass das Organ, in dem das Denken wohnt, von einer Wucherung aufgezehrt wird, gerade jetzt, da ich glaube, das Denken selbst begriffen zu haben.
Ich heiße Adrian Vetter, ich bin einundsechzig Jahre alt, und ich habe vierzig Jahre lang an den Rändern eines Problems gearbeitet, das die meisten meiner Kollegen für unlösbar oder, schlimmer, für keine mathematische Frage hielten: das Problem des Bewusstseins. Wie kommt es, dass aus Materie Erleben wird? Wie kann ein Kilogramm feuchter, elektrisch flackernder Zellmasse nicht nur Informationen verarbeiten, sondern es sich anfühlen lassen, diese Informationen zu verarbeiten – wie entsteht das Rot des Rots, der Schmerz des Schmerzes, das Ich des Ichs? Die Philosophen nennen es das harte Problem und umkreisen es seit dreihundert Jahren mit Worten, die sich an ihm abarbeiten wie Wellen am Fels. Ich habe es nie mit Worten versucht. Ich habe geglaubt, wovon jeder Mathematiker im Grunde seines Herzens überzeugt ist: dass alles, was wirklich ist, eine Form hat, und dass jede Form sich schreiben lässt.
Und ich habe sie geschrieben.