TellAria

Das Theater der Schatten

Gibt sie dem Theater ihre letzte große Vorstellung oder lässt sie es endgültig schließen?

Beginning

Es gibt eine Stunde in jedem verlassenen Theater, in der das Schweigen nicht mehr die bloße Abwesenheit von Klang ist, sondern eine Anwesenheit für sich – dicht, atmend, aufmerksam. Amalia Winter kannte diese Stunde besser als jeden Menschen, denn sie hatte sechzig Jahre ihres Lebens in ihr verbracht, in dem Zwielicht zwischen der letzten verklungenen Zeile und dem ersten Räuspern des Publikums, das nie mehr kommen würde. An diesem Abend, dem letzten des Oktobers, saß sie allein in der siebten Reihe des Orpheums, den Nerzmantel über die knochigen Schultern gezogen, und lauschte dem Haus, wie man dem Atem eines Sterbenden lauscht, den man liebt.

Das Orpheum starb. Das war keine Metapher, mit der eine alternde Diva ihrem eigenen Niedergang eine tragische Größe verlieh; es war der nüchterne Befund von Statikern, Brandschutzgutachtern und dem Kulturdezernenten der Stadt, einem Mann mit feuchtem Händedruck, der das Wort »Sanierungsstau« aussprach, als handle es sich um eine Diagnose, gegen die keine Kunst und keine Erinnerung ankam. Der Samt der Sitze war fadenscheinig geworden, an manchen Stellen bis auf das Jutegewebe abgewetzt, und trug den fahlen Grauton alles Dinge, die zu lange nicht mehr berührt worden sind. Von der Stuckdecke, auf der einst Musen in Wolkengebirgen geschwebt hatten, blätterte die Vergoldung in feinen Schuppen, und der große Kronleuchter, den man aus Sparsamkeit seit Jahren nicht mehr gereinigt hatte, hing im Halbdunkel wie ein erloschenes Gestirn. Es roch nach kaltem Staub, nach altem Papier, nach dem süßlichen Moder von Wasserschäden – und, ganz leise, darunter, noch immer nach Schminke und Kolophonium, nach jenem unverwechselbaren Duft der Bühne, den kein Verfall je ganz auszulöschen vermag.

Amalia war zweiundachtzig Jahre alt. Sie hatte auf dieser Bühne die Julia gespielt und, ein halbes Jahrhundert später, die Amme; sie war die Nora gewesen, die Hedda, die Ranjewskaja, die ihren eigenen Kirschgarten unter den Äxten fallen hörte – und nun, in einer Ironie, die zu bitter war, um sie noch komisch zu finden, hörte sie die Äxte in Wahrheit. In vierzehn Tagen sollten die Abrisstrupps kommen. Der Gemeinderat hatte beschlossen, an der Stelle des Orpheums ein Parkhaus zu errichten, denn eine Stadt, die ihre Toten schon kaum unterzubringen weiß, weiß erst recht nicht, wohin mit ihren Automobilen.