TellAria

Wo die Wölfe heulen

Verrät sie den Standort des Rudels den Jägern oder riskiert sie ihr eigenes Leben?

Beginning

Die Karpaten im November sind kein Ort für Menschen, und das war genau der Grund, warum Dr. Katarina Brenner hier lebte. Achtzig Kilometer von der nächsten asphaltierten Straße, in einer alten Forsthütte am Fuß des Bergrückens, den die Einheimischen den Zahn nannten, hauste sie seit drei Jahren allein, mit einem Holzofen, einem Funkgerät, das nur bei gutem Wetter eine Verbindung fand, und einer Aufgabe, die ihr wichtiger geworden war als jede menschliche Gesellschaft: dem Schutz des letzten Wolfsrudels der Region.

Es waren sieben Tiere, als sie kam. Nun waren es elf, und das war ihr Werk, oder doch ihr halbes: die vier Welpen, die im vergangenen Frühjahr geboren worden waren, den Winter überlebt, den Sommer überstanden hatten, in einem Land, in dem der Wolf seit Jahrhunderten als der Feind galt, den man ausrottete wie Ungeziefer. Katarina hatte gelernt, wie ein Wolf zu denken, zu gehen, zu wittern; sie kannte die Reviergrenzen des Rudels, seine Wechsel, seine Verstecke, und – das war ihr kostbarstes und gefährlichstes Wissen – den Ort des Baus, der Höhle hoch oben am Zahn, in der die Wölfe den Winter überdauern würden und in der die nächste Generation zur Welt kommen sollte.

Niemand sonst kannte diesen Ort. Und genau das machte Katarina, in diesem November, zur wertvollsten und gefährdetsten Person in diesen Bergen.