Der Garten der Heilerin
Flieht sie aus dem Dorf oder stellt sie sich dem Gericht der Inquisition?
Beginning
Der Garten war das Erste, was Wenzel von Rosenberg an jenem grauen Novembermorgen sah, als er mit seinen Reitern in das Dorf Lindau einritt, und er war das Erste, was er verurteilte. Denn ein Garten, in dem im Winter noch etwas grünte, in dem der Fingerhut spät blühte und die Tollkirsche ihre schwarzen Beeren trug, in dem Kräuter wuchsen, deren Namen der einfache Bauer fürchtete und deren Wirkung er nicht verstand – ein solcher Garten war in den Augen eines Inquisitors kein Werk der Natur, sondern des Teufels.
Der Garten gehörte Agnes Wielandt, und Agnes Wielandt war seit dreißig Jahren die Heilerin von Lindau.
Sie war eine Frau von einundfünfzig Jahren, hager und aufrecht, mit Händen, die von der Gartenarbeit und dem Zerreiben der Kräuter braun und rissig geworden waren, und mit Augen, die zu viel gesehen hatten, um sich noch leicht erschrecken zu lassen. Sie hatte die halbe Gemeinde zur Welt gebracht und die andere Hälfte durch Fieber, Wunden und Kindbett gebracht; sie kannte das Kraut gegen den Husten und das gegen die Schwindsucht, den Wickel, der die Entzündung zog, und den Sud, der eine gebärende Frau vor dem Verbluten bewahrte. In den Jahren der Pest, als der Pfarrer geflohen und der Bader gestorben war, war sie geblieben, hatte die Kranken gepflegt und die Toten gewaschen, und das Dorf hatte sie geliebt, so weit ein Dorf jemanden liebt, den es zugleich braucht und fürchtet.