Liebe in Zeiten des Eises
Teilen sie die letzte Ration oder kämpft am Ende jeder ums eigene Überleben?
Beginning
Es gibt eine Kälte, die man nicht mit dem Thermometer misst, sondern mit dem Herzen, und ich lernte sie kennen in dem Winter, in dem die Welt uns vergaß.
Die Station Boreas lag auf achtzig Grad nördlicher Breite, ein Cluster aus roten Containern auf einem Schelfeis, das sich langsam, unaufhaltsam dem Meer entgegenschob, und im Sommer waren wir zwölf gewesen, Glaziologen, Meteorologen, ein Koch, ein Arzt – eine kleine, geschäftige Familie unter der Mitternachtssonne. Doch als der Herbst kam und mit ihm die Dunkelheit, die sich über Monate legen würde, brach das Versorgungsschiff seine letzte Fahrt ab. Ein Sturm, hieß es, dann Packeis, das den Fjord verriegelte, dann die Polarnacht, in der kein Schiff und kein Flugzeug uns mehr erreichen konnte. Von den zwölf blieben, durch eine Verkettung von Notfällen und Evakuierungen und schierem Pech, am Ende nur zwei zurück.
Ich, Dr. Nadja Lindqvist, Glaziologin, dreiunddreißig Jahre alt, die das Eis besser verstand als die Menschen.