TellAria

Die Stadt, die nie schläft

Verkauft die Heldin ihre letzten Stunden Schlaf oder bewahrt sie sie für sich?

Beginning

In der Stadt Vigil ging die Sonne nie ganz unter, denn man hatte die Nacht abgeschafft, wie man einen unrentablen Betriebszweig abschafft. Die Türme leuchteten rund um die Uhr, die Bänder der Magnetbahnen glühten durch das ewige Zwielicht, und in den Straßen, die niemals leer wurden, bewegte sich ein Strom aus Menschen, die alle dasselbe gemeinsam hatten: Keiner von ihnen hatte seit Jahren geschlafen.

Man nannte es das Erwachen, als sei es ein Segen gewesen, und in den ersten Monaten hatte man es dafür gehalten. Vor elf Jahren war das Mittel *Perpetua* auf den Markt gekommen, eine kleine Manipulation im Gehirn, die den Schlaf überflüssig machte – kein Dämmern mehr, kein Traum, keine verlorenen acht Stunden, in denen der Mensch nutzlos daliegt. Die Konzerne jubelten; ein Drittel des Lebens war zurückgewonnen, ein Drittel mehr Arbeit, mehr Konsum, mehr Ertrag. Wer nicht mitmachte, blieb zurück; wer schlief, während die anderen wachten, verlor seinen Posten, sein Ansehen, seinen Platz. Binnen weniger Jahre hatte die ganze Stadt Perpetua genommen, freiwillig, begierig, und die Nacht war gestorben.

Erst als es zu spät war, verstand man, was man verloren hatte. Der Mensch ist nicht dafür gebaut, ewig zu wachen. Ohne Schlaf faserte der Geist aus wie ein Seil, das man zu lange spannt. Zuerst kamen die kleinen Risse – die Gereiztheit, das Vergessen, das dumpfe Grau, das sich über alle Empfindung legte. Dann die größeren: die Halluzinationen, die in den Winkeln des Blicks lauerten, die Wut, die aus dem Nichts aufloderte, die schleichende Auflösung des Ichs. Und weil Perpetua sich, wie sich herausstellte, nicht mehr rückgängig machen ließ – der Körper hatte das Schlafen verlernt wie ein Muskel, den man durchtrennt hat –, gab es keinen Weg zurück in die Nacht.