TellAria

Das Orakel von Delphi

Spricht sie die Wahrheit der Götter oder erfindet sie eine Lüge zum Wohl der Stadt?

Beginning

Der Rauch stieg aus der Erdspalte wie der Atem eines schlafenden Gottes, süßlich und schwer, und Theano, die man Pythia nannte, atmete ihn ein und wartete darauf, dass die Wahrheit über sie käme. Sie wartete lange. Sie wartete, wie sie in den letzten Monden immer öfter gewartet hatte – vergebens.

Delphi lag an diesem Morgen im blauen Schatten des Parnass, und über den heiligen Bezirk, über die Schatzhäuser der Städte und die Weihgeschenke der Könige, kroch das erste Licht wie flüssiges Gold. Unter dem Tempel des Apollon aber, im Adyton, dem innersten Raum, den kein gewöhnlicher Sterblicher betreten durfte, herrschte ein Zwielicht, das keine Tageszeit kannte. Hier saß Theano auf dem dreibeinigen Schemel über der Kluft, einen Zweig des heiligen Lorbeers in der Hand, und über ihr wölbte sich die Gewissheit von tausend Jahren: dass durch ihren Mund der Gott sprach, dass sie die Zunge des Apollon war, das Rohr, durch das die Zukunft in die Welt der Menschen strömte.

Theano wusste es besser, und dieses Wissen war die Last, unter der sie langsam zerbrach.