Revolution im Morgengrauen
Führt er die Menge in die Barrikade oder ruft er sie zum Frieden auf?
Beginning
Wien, im März des Jahres 1848, roch nach nassem Stein, nach Pulver und nach etwas, das Anton Reisinger noch nie zuvor gerochen hatte und für das er kein Wort besaß: nach der Möglichkeit, dass sich die Welt an einem einzigen Morgen ändern könnte.
Er war zweiundzwanzig Jahre alt und studierte die Rechte, oder hatte es getan, bis vor drei Tagen die Universität ihre Tore geschlossen und ihre Studenten auf die Straße entlassen hatte, mitten hinein in ein Fieber, das die ganze Stadt ergriffen hatte. Metternich, der eiserne Kanzler, der ein Menschenalter lang über dem Kaiserreich gelegen hatte wie ein Deckel über einem kochenden Topf, war geflohen – in der Nacht, verkleidet, so hieß es, in einer gewöhnlichen Kutsche, ein Gespenst, das der Morgen vertrieben hatte. Und in das Vakuum, das seine Flucht hinterließ, strömte all das, was er so lange niedergehalten hatte: die Sehnsucht nach einer Verfassung, nach einem Parlament, nach dem Recht, laut zu denken und ungestraft zu drucken, was man dachte.
Anton hatte all das gewollt, in den Kaffeehäusern, in den geflüsterten Gesprächen, in den verbotenen Zeitungen, die unter den Bänken der Hörsäle die Runde machten. Er hatte es gewollt, wie man in der Jugend Dinge will: heiß, ungenau und in der stillen Gewissheit, dass andere, Ältere, Mutigere, sie schon herbeiführen würden. Er war kein Anführer. Er war ein schmaler junger Mann mit Tintenflecken an den Fingern und einer Brille, die ihm ständig von der Nase rutschte, einer, der lieber las als sprach und dem beim Gedanken an eine Menschenmenge das Herz eng wurde.