TellAria

Stille nach dem Beben

Rettet sie die vielen Leichtverletzten oder kämpft sie um das eine sterbende Kind?

Beginning

Der Staub legt sich nie ganz. Das ist das Erste, was ich lernte, als die Erde aufhörte zu beben und die Welt in ein neues, körniges Grau tauchte. Er hängt in der Luft wie ein Schleier, der sich weigert zu fallen, und mit jedem Atemzug ziehe ich ein Stück der eingestürzten Klinik in meine Lunge – Beton, Gips, den bitteren Geschmack von zerbrochenem Mörtel. Ich heiße Dr. Selma Vahdat, und vor sieben Minuten war ich noch Oberärztin einer geordneten Notaufnahme. Jetzt bin ich eine Frau, die auf allen vieren durch die Dunkelheit kriecht und die Namen ihrer Patienten ruft, als wären es Beschwörungsformeln.

Das Beben kam ohne Vorwarnung, an einem Dienstagnachmittag, als die Sonne noch schräg durch die hohen Fenster des Wartesaals fiel. Ich erinnere mich an das Geräusch, bevor ich mich an die Bewegung erinnere – ein tiefes, mahlendes Grollen, das nicht aus einer Richtung zu kommen schien, sondern aus dem Fundament der Dinge selbst, als hätte jemand der Welt ins Ohr geflüstert, dass alles, was fest schien, in Wahrheit nur geliehen war. Dann sprangen die Deckenplatten aus ihren Rahmen. Eine Leuchtstoffröhre zerplatzte über meinem Kopf in einem Regen aus Funken und Glas. Und die tragende Wand zwischen Aufnahme und Behandlungstrakt – die Wand, die ich tausendmal durchschritten hatte, ohne sie je anzusehen – neigte sich mit einer fast trägen Würde nach innen und begrub den halben Raum unter sich.

Als das Grollen verebbte, blieb eine Stille, die schlimmer war als jeder Lärm. Keine ehrfürchtige Stille, keine friedliche. Es war die Stille eines angehaltenen Atems, das Zögern zwischen der Wunde und dem Schrei. In diesem Zwischenraum kauerte ich unter dem Tresen der Anmeldung, die Hände über den Kopf verschränkt, und zählte meinen eigenen Herzschlag, weil es das Einzige war, was ich noch verlässlich fand.