TellAria

Das Salz der Erde

Verkaufen die Erben den Hof oder bewahren sie das Erbe um jeden Preis?

Beginning

Das Land der Hagedorns war karg, so karg, dass der Boden im Sommer aufsprang wie verdorrte Haut und im Winter zu Eisen gefror. Es lag am Rand der Marsch, dort, wo die Erde salzig war vom nahen Meer, das vor Jahrhunderten einmal bis hierher gereicht hatte und nun nur noch im Geschmack des Brunnenwassers und in der weißen Kruste blieb, die sich nach jedem Regen über die Äcker legte. Andere Familien hatten dieses Land längst aufgegeben. Die Hagedorns nicht. Drei Generationen lang hatten sie ihm abgetrotzt, was es nicht freiwillig hergab, und in jeder dieser Generationen hatte das Land mehr genommen, als es gab.

Es hatte mit Cornelius Hagedorn begonnen, dem Großvater, der nach dem Krieg mit nichts als zwei Händen und einem geliehenen Pferd hierhergekommen war und den Hof aus dem Sumpf gegraben hatte, Spatenstich um Spatenstich, Graben um Graben, bis das Wasser ablief und der Boden, salzig zwar und widerwillig, doch Korn und Rüben trug. Cornelius hatte einen Glauben gehabt, hart und einfach wie der Boden selbst: dass ein Mensch ohne eigenes Land kein ganzer Mensch sei, dass die Erde, die man mit eigenem Schweiß tränkt, einem mehr gehört als jedes Papier es bezeugen kann. Diesen Glauben hatte er seinem Sohn Reinhard eingepflanzt wie einen Samen in harten Grund, und Reinhard hatte ihn weitergetragen, ein Leben lang, gebeugt unter seiner Last.

Nun, an einem nasskalten Novembermorgen, lag Reinhard Hagedorn im Sterben, in derselben Kammer, in der er geboren worden war, und um sein Bett standen seine drei Kinder, und mit ihnen stand die Frage im Raum, die seit Jahren niemand laut auszusprechen gewagt hatte: Was sollte aus dem Hof werden, wenn der Alte tot war?