Im Spiegel der anderen
Schreibt sie ihr Buch zu Ende oder rettet sie ihren eigenen Verstand?
Beginning
Ich habe immer geglaubt, dass eine Schriftstellerin ihre Figuren erschafft wie eine Töpferin ihre Gefäße: aus eigenem Stoff geformt, doch fest umrissen, getrennt von der Hand, die sie macht. An dem Abend, an dem diese Geschichte beginnt, verlor ich diesen Glauben, und ich bin bis heute nicht sicher, ob ich ihn je wiedergewonnen habe oder nur gelernt habe, ohne ihn zu leben.
Mein Name ist Marlene Roth. Ich bin Schriftstellerin, oder war es, je nachdem, wie man die Frage stellt und wer sie beantwortet. Seit drei Jahren arbeitete ich an einem einzigen Roman, dem Buch, von dem ich glaubte, es würde alles rechtfertigen, was ich zuvor geschrieben und nicht geschrieben hatte. Es handelte von einer Frau namens Ada, einer Frau, die ich mir bis in die feinsten Verästelungen ihres Wesens ausgedacht hatte: ihre Art, beim Nachdenken die Unterlippe zwischen die Zähne zu ziehen, ihre Angst vor geschlossenen Türen, ihre Gewohnheit, Briefe zu schreiben, die sie nie abschickte. Ada war mein Geschöpf, vollständiger als jeder Mensch, den ich kannte, und gerade deshalb, sagte ich mir, war sie sicher in ihrem papierenen Gehäuse eingeschlossen.
Ich lebte allein, in einer Wohnung unter dem Dach eines alten Hauses, deren Fenster auf eine Straße blickten, die ich kaum noch betrat. Das Schreiben hatte mich, wie es das mit denen tut, die ihm zu sehr verfallen, langsam aus der Welt herausgelöst. Ich vergaß zu essen, ich vergaß die Namen meiner wenigen Freunde, ich vergaß, welcher Tag war. Was blieb, war Ada. Ich verbrachte mehr Stunden mit ihr als mit jedem lebenden Menschen, ich kannte ihre Gedanken besser als meine eigenen, und es kam der Punkt, an dem ich nicht mehr sagen konnte, ob ich über sie nachdachte oder sie über mich.