Die Asche von Pompeji
Flieht sie sofort oder riskiert sie alles, um ihren Geliebten zu retten?
Beginning
Ich heiße Helene, und an dem Tag, von dem ich erzähle, glaubte ich noch, das Schlimmste in meinem Leben sei bereits geschehen. Ich war als Kind aus Griechenland verkauft worden, hatte das Meer in Ketten überquert und diente seit elf Jahren im Haus des Weinhändlers Lucius Caecilius in Pompeji. Eine Sklavin lernt früh, dass ihr Leben keinem gehört, am wenigsten ihr selbst. Doch an jenem Morgen im Spätsommer, als die Hitze schwer über der Stadt lag wie ein nasses Tuch, spürte ich zum ersten Mal, dass nicht nur mein Leben, sondern die ganze Welt auf einem Abgrund stand.
Es hatte mit kleinen Dingen begonnen, Dingen, die nur jemand bemerkt, der sein Leben lang gelernt hat, auf das zu achten, was die Herren übersehen. Der Brunnen im Innenhof war seit drei Tagen versiegt; das Wasser, das sonst kühl und klar aus der Tiefe kam, war zuerst trüb geworden, dann lau, dann ganz ausgeblieben. Die Hunde der Nachbarschaft heulten nachts ohne Anlass. Am Vortag hatte ich gesehen, wie sich die Vögel in großen, unruhigen Schwärmen vom Berg lösten, vom Vesuv, der über uns aufragte, grün bewaldet und seit Menschengedenken so friedlich, dass niemand ihn fürchtete. Die Alten nannten ihn einen erloschenen Riesen. Aber an jenem Morgen, als ich Wasser vom öffentlichen Brunnen holte, weil unser eigener versiegt war, spürte ich die Erde unter meinen nackten Sohlen beben, ein feines, anhaltendes Zittern, als atme tief unter der Stadt etwas Lebendiges.
Im Haus jedoch ging alles seinen gewohnten Gang. Meine Herrin, die Matrone Cornelia, schalt mich, weil ich zu spät mit dem Wasser kam. Der Hausherr bereitete ein Gastmahl für den Abend vor und zählte seine Amphoren. Die anderen Sklaven, mit denen ich Hof und Küche teilte, zuckten nur die Schultern, als ich von dem Beben sprach. »Die Erde bebt oft hier«, sagte die alte Köchin Tyche. »Erinnerst du dich nicht an das große Beben, vor siebzehn Jahren? Die halbe Stadt fiel ein, und doch steht sie wieder. Es geht vorüber.« Ich wollte ihr glauben. Wie sehr wollte ich ihr glauben. Aber etwas in mir, das tiefer saß als jeder Verstand, flüsterte, dass es diesmal nicht vorübergehen würde.