Der Algorithmus der Liebe
Vertraut er der Berechnung oder seinem eigenen unlogischen Herzen?
Beginning
Ich habe schon immer geglaubt, dass die Liebe nichts weiter ist als ein ungelöstes Problem, und Probleme, das ist meine feste Überzeugung, sind dazu da, gelöst zu werden.
Mein Name ist Sebastian Reuter, ich bin neununddreißig Jahre alt, Softwareentwickler, und ich gebe offen zu, dass ich Menschen ungefähr so gut verstehe wie eine Katze die Steuererklärung. Zahlen hingegen, Zahlen liebe ich. Zahlen lügen nicht, Zahlen sind nicht launisch, Zahlen sagen am Montag nicht das Gegenteil von dem, was sie am Freitag gesagt haben. Und genau das war mein Problem mit der Liebe: Sie war mir zu unzuverlässig, zu chaotisch, zu sehr ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten, das man, wie es schien, nur verlieren konnte. Vierzehn erste Verabredungen hatte ich in meinem Leben gehabt, und vierzehn Mal hatte ich am Ende des Abends ratlos vor der Frage gestanden, was ich falsch gemacht hatte. Beim fünfzehnten Mal beschloss ich, das Problem ein für alle Mal zu lösen, und zwar so, wie ich alle Probleme löste: mit Code.
Zwei Jahre arbeitete ich an meiner App. Ich nannte sie Amoria, was meine einzige romantische Geste in dem ganzen Projekt war. Sie war ein Meisterwerk, wenn ich das so sagen darf: Sie analysierte hunderttausend Datenpunkte, Persönlichkeitsmerkmale, Vorlieben, Werte, Sprachmuster, sogar die Geschwindigkeit, mit der man tippt, und berechnete daraus, mit einer Genauigkeit, von der die ganzen oberflächlichen Dating-ApForen nur träumen konnten, die wahre Kompatibilität zweier Menschen. Keine Schmetterlinge im Bauch mehr, keine vagen Gefühle, kein quälendes Rätselraten. Nur noch klare, schöne, verlässliche Prozentzahlen. Die Liebe, endlich berechenbar gemacht.