Die Fährfrau
Setzt sie einen flehenden Passagier über oder verweigert sie ihm zum ersten Mal die Fahrt?
Beginning
Niemand wusste mehr, wie lange die Fährfrau schon ruderte. Sie selbst wusste es auch nicht.
Der Fluss lag zwischen den Welten, dort, wo das Land der Lebenden endete und etwas anderes begann, das keinen Namen hatte. Es war ein breiter, schwarzer Fluss, träge und lautlos, ohne Wellen, ohne Glanz, und auf seiner einen Seite stand der Wald der Lebenden, mit seinen Vögeln und seinem Wind, und auf der anderen Seite lag ein Nebel, in den noch nie ein Auge gedrungen war. Über diesen Fluss setzte die Fährfrau die Reisenden, einen nach dem anderen, seit so langer Zeit, dass sie ihren eigenen Namen vergessen hatte. Greta hatte sie einmal geheißen, in einem Leben, an das sie sich kaum noch erinnerte, ehe sie an einem Nebelmorgen das Ruder aus den Händen des alten Fährmanns genommen und damit, ohne es zu wissen, seinen Platz und seine Last übernommen hatte.
Denn das war das Gesetz der Fähre, ein altes, hartes Gesetz, älter als die Dörfer am Ufer: Wer das Ruder nimmt, der trägt es, bis ein anderer es ihm abnimmt, und solange er es trägt, setzt er über, wen immer das Ufer ihm schickt, ohne Frage, ohne Wahl, ohne Gnade. Die Reisenden kamen aus dem Wald, zu jeder Stunde, einzeln, mit jenem fernen, verlorenen Blick, den die Fährfrau an ihnen allen kannte, und sie setzten sich in ihr Boot, und sie ruderte sie hinüber in den Nebel, und keiner kehrte je zurück. Was jenseits geschah, wusste sie nicht; sie wusste nur, dass sie selbst niemals mitfuhr, niemals an das andere Ufer trat, sondern an ihrer Seite blieb, gebunden, eine Wächterin der Schwelle, die nie hindurchgehen durfte.