TellAria

Die Bibliothek der verlorenen Namen

Spricht sie einen Namen aus, um ihn zurückzuholen, oder lässt sie die Toten ruhen?

Beginning

Ich habe mein Leben damit verbracht, Dinge aufzubewahren, die andere vergessen wollten, und ich dachte, ich kennte jede Art von Stille, die in einem Archiv wohnt. Aber die Stille, die mich an jenem Abend empfing, kannte ich nicht.

Ich bin Archivarin. Seit zwanzig Jahren ordne ich die Hinterlassenschaften der Toten, die Briefe, die niemand mehr liest, die Fotografien von Gesichtern, deren Namen verloren sind, die ganze sanfte Traurigkeit dessen, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Ich arbeite im Keller eines alten Stadtarchivs, tief unter der Straße, wo das Licht aus Lampen kommt und die Zeit langsamer fließt. An jenem Abend, ich erinnere mich genau, suchte ich nach einem verlegten Bestand und stieß auf eine Tür, die ich in zwanzig Jahren nie gesehen hatte, eine schmale, dunkle Tür am Ende eines Ganges, der nicht auf dem Plan stand.

Sie war nicht verschlossen. Dahinter führte eine Treppe hinab, tiefer, als ein Stadtkeller reichen durfte, und unten öffnete sich ein Raum, der mir den Atem nahm. Eine Bibliothek, unendlich, so schien es, Regal an Regal in die Finsternis hinein, höher, als das Licht reichte. Aber es standen keine Bücher in diesen Regalen. Es waren Namen. Auf jedem Rücken, auf unzähligen schmalen Bänden, stand ein einziger Name, in einer Schrift, die zu leuchten schien, und als ich näher trat, hörte ich ein Flüstern, ganz leise, als spräche jemand all diese Namen zugleich, immer und immer, ein Murmeln wie das Rauschen eines fernen Meeres.