TellAria

Der Schrei im Tunnel

Brechen sie die Wand auf oder vermauern sie den Tunnel für immer?

Beginning

Der Tunnel hatte siebzig Jahre lang geschwiegen, und Reinhard Kessler wünschte sich bald, er hätte ihn weiterschweigen lassen.

Es war ein alter Eisenbahntunnel, tief in den Berg getrieben, irgendwo zwischen zwei vergessenen Dörfern, und er war seit dem Ende des Krieges verschlossen gewesen, vermauert, von Schutt und Gestrüpp verborgen, von den Karten gestrichen. Nun aber sollte eine neue Bahnstrecke durch das Tal führen, und man hatte Kesslers Bautrupp geschickt, den alten Tunnel wieder zu öffnen und für die moderne Zeit herzurichten. Sechs Männer, schweres Gerät, Scheinwerfer, die das Dunkel zerschnitten. Eine Arbeit wie viele andere, hatte Kessler gedacht, als sie an jenem ersten Morgen die zugemauerte Einfahrt aufbrachen und die kalte, abgestandene Luft ihnen entgegenströmte, als hätte der Berg sieben Jahrzehnte den Atem angehalten.

Sie arbeiteten sich Tag um Tag in den Berg hinein, und je tiefer sie kamen, desto stiller wurden die Männer. Es lag etwas in diesem Tunnel, das sich nicht benennen ließ, eine Schwere, ein Druck auf den Ohren, der nichts mit der Tiefe zu tun hatte. Die Scheinwerfer flackerten, obwohl die Generatoren neu waren. Werkzeuge verschwanden und tauchten an Orten wieder auf, wo niemand sie hingelegt hatte. Und der junge Toni, der Neue, behauptete, er habe Schritte gehört, hinter sich, im Dunkeln, wenn die Maschinen schwiegen — Schritte, die innehielten, sobald er stehen blieb. Kessler hatte ihn ausgelacht, damals noch. Tunnel knarren, hatte er gesagt. Berge atmen. Daran gewöhnt man sich.