TellAria

Die Wette des Kaufmanns

Vertraut er dem unbekannten Kapitän oder segelt er selbst mit?

Beginning

Im Herbst des Jahres 1391 stand Hinrich Brandt am Hafen von Lübeck und sah zu, wie man sein ganzes Leben in den Bauch eines Schiffes lud.

Ballen um Ballen feinen flandrischen Tuchs verschwand im Laderaum der Kogge, dazu Fässer mit Salz aus Lüneburg, das im Norden so kostbar war wie anderswo das Silber. Es war eine Fracht, wie sie ein Kaufmann sein Leben lang nur einmal zusammenbringt, und Hinrich hatte alles dafür gegeben, was er besaß, und mehr. Er hatte sein Haus in der Mengstraße beliehen, er hatte sich Geld von den Fuggern und von zwei Lübecker Ratsherren geliehen, er hatte die Mitgift seiner Tochter angetastet, von der sie nichts wusste. Alles, sein ganzes Vermögen und das Vertrauen anderer obendrein, lag nun in jenen Ballen und Fässern, die in den dunklen Schiffsbauch hinabgelassen wurden, einer nach dem anderen, unwiderruflich.

Der Plan war kühn, und Hinrich wusste es. Die Kogge sollte über die Ostsee nach Nowgorod segeln, zum Peterhof, dem Kontor der deutschen Kaufleute in der fernen russischen Stadt, und dort sollte das Tuch und das Salz gegen die Schätze des Nordens getauscht werden: gegen Pelze von Zobel und Hermelin, gegen Wachs und Honig, gegen Waren, die in Brügge und Köln das Vielfache wert waren. Gelang die Reise, so würde Hinrich als einer der reichsten Männer Lübecks zurückkehren, seine Schulden begleichen und seinen Namen unter die großen Geschlechter der Hanse stellen. Misslang sie — durch Sturm, durch Schiffbruch, durch die Seeräuber, die das Meer unsicher machten —, so war er ein Bettler, und schlimmer als ein Bettler: ein Mann, der das Geld anderer verloren hatte und seine Ehre dazu.