Die Verschwörung der Uhren
Sucht der Uhrmacher die Ursache oder flieht er vor der unheimlichen Wahrheit?
Beginning
Anton Veller hatte sein Leben lang den Uhren zugehört, und deshalb war er der Erste in der Stadt, der bemerkte, dass sie verstummt waren.
Er erwachte, wie er seit vierzig Jahren erwachte, vor der Dämmerung, in der Wohnung über seiner Werkstatt in der Glockengasse, und das Erste, was er jeden Morgen wahrnahm, ehe er die Augen öffnete, war das Ticken — das vielstimmige, vertraute Ticken der hundert Uhren, die unter ihm in der Werkstatt standen, Pendeluhren und Standuhren und Taschenuhren, jede in ihrem eigenen Takt, ein Chor aus Zeit, der ihn einschläferte und weckte und der ihm so vertraut war wie der eigene Herzschlag. An diesem Morgen war der Chor verstummt. Es war still, vollkommen still, eine Stille, die Anton mit einem Schlag hellwach machte, denn er hatte diese Stille in vierzig Jahren nie gehört, nicht einmal, denn er zog seine Uhren mit der Treue eines Priesters auf, und nie waren alle zugleich stehen geblieben.
Er stieg hinunter in seine Werkstatt, im Hemd, mit klopfendem Herzen, und im grauen Licht der Morgendämmerung sah er, was er nicht für möglich gehalten hätte: Jede Uhr in seinem Geschäft stand still. Die große Standuhr seines Großvaters, die seit hundertzwanzig Jahren ohne Unterbrechung gegangen war; die zierlichen Pendeluhren an den Wänden; die Taschenuhren in ihren Schaukästen; die elektrische Uhr, die er widerwillig hinter der Theke duldete; und seine eigene Armbanduhr, die er nie ablegte. Alle. Und alle zeigten dieselbe Zeit, bis auf die Sekunde genau, eine Zeit, die sich Anton in die Seele brannte und die er nie wieder vergessen würde: drei Uhr, dreiunddreißig Minuten und dreiunddreißig Sekunden.