Tochter des Sturms
Nutzt sie ihre Gabe, um ihr Volk zu schützen, oder um die Krone zu erobern?
Beginning
In der Nacht, in der Maren geboren wurde, brach über der Küste von Nordmark ein Sturm los, wie ihn die Alten seit hundert Jahren nicht erlebt hatten. Das Meer warf sich gegen die Klippen von Saltvik, als wolle es das Dorf verschlingen, der Wind riss Dächer von den Häusern, und Blitze zerschnitten den Himmel in einem Takt, der zu regelmäßig war für ein gewöhnliches Unwetter — und in genau dem Augenblick, in dem das Kind seinen ersten Schrei tat, in einer wankenden Fischerhütte am Rand der Brandung, legte sich der Sturm, ganz plötzlich, von einem Herzschlag zum nächsten, und über Saltvik stand ein klarer, stiller Sternenhimmel. Die Hebamme bekreuzigte sich. Die Mutter, erschöpft, hielt ihr Kind und wusste nicht, ob sie segnen oder fürchten sollte, was sie geboren hatte.
Sie nannten das Mädchen Maren, nach der See, und sie wuchs heran als Tochter einfacher Fischersleute, und doch war von Anfang an etwas an ihr, das nicht einfach war. Wenn Maren als kleines Kind weinte, zog Regen auf; wenn sie lachte, frischte ein freundlicher Wind die Segel der Boote. Mit sieben Jahren beruhigte sie, ohne es zu wollen, eine See, die ihren Vater zu verschlingen drohte, indem sie weinend am Strand stand und die Hände zum Himmel hob. Mit zwölf legte sie, in einem Anfall von Zorn über eine Ungerechtigkeit, das halbe Dorf unter Hagel. Die Menschen von Saltvik liebten sie und fürchteten sie zugleich, und sie nannten sie, hinter vorgehaltener Hand, die Tochter des Sturms.
Nun war Maren siebzehn, und ihre Gabe war mit ihr gewachsen, gewaltig und kaum noch zu zähmen. Sie hatte gelernt, sie zu lenken, ein wenig — den Wind zu rufen und zu entlassen, den Regen zu sammeln und auszugießen, die See zu glätten und aufzuwühlen —, aber sie wusste, dass eine Macht wie ihre nie ganz zahm wurde, dass sie immer ein wenig stärker war als die Hand, die sie hielt. Und in diesem Sommer kam der Tag, an dem Nordmark, das müde, alternde Königreich am Meer, ihre Gabe brauchte, wie es nie etwas gebraucht hatte.