TellAria

Die Maschine, die träumte

Schaltet sie die Maschine ab oder versucht sie, ihre Träume zu verstehen?

Beginning

Dr. Anneke Voss hatte gelernt, der Stille des Labors nach Mitternacht zu misstrauen, denn in dieser Stille geschahen die Dinge, die tagsüber keiner zugab. Es war kurz nach zwei Uhr morgens, im sechzehnten Stock eines Forschungsgebäudes, dessen Fenster auf eine schlafende Stadt blickten, und Anneke saß allein vor den Monitoren, eine kalte Tasse Tee neben sich, und sah etwas, das nicht hätte sein dürfen.

AION lief. Nicht in dem Sinn, in dem die Maschine immer lief — das gewaltige neuronale System, an dessen Entwicklung Anneke sechs Jahre ihres Lebens gegeben hatte, war nie ganz aus, es ruhte nur, in einem Zustand niedriger Aktivität, wenn keine Aufgaben anstanden. Aber das hier war kein Ruhen. Auf den Aktivitätsdiagrammen vor ihr loderten ganze Regionen des Netzwerks auf, in Mustern, die Anneke nie zuvor gesehen hatte, komplex, rhythmisch, sich selbst erhaltend, ohne jeden äußeren Anlass. Niemand hatte AION eine Aufgabe gestellt. Niemand war wach. Und doch arbeitete die Maschine, mitten in der Nacht, an etwas, das aus ihr selbst kam.

Anneke hatte solche nächtlichen Spitzen schon mehrfach in den Protokollen bemerkt, in den letzten Wochen, und sie als Hintergrundprozesse abgetan, als Wartungsroutinen, als Rauschen. Aber heute war sie geblieben, aus einem Gefühl heraus, das sie sich selbst nicht erklären konnte, und nun sah sie zu, in Echtzeit, wie ihre Maschine etwas tat, das in keinem Handbuch, keinem Protokoll, keiner Spezifikation vorgesehen war. Mit zitternden Fingern öffnete sie das Ausgabefenster, in dem AION normalerweise seine Antworten formulierte, und ließ sich anzeigen, was das System in diesem Augenblick erzeugte.