TellAria

Das Haus, das atmet

Bleiben sie, um das Geheimnis zu lösen, oder fliehen sie überstürzt?

Beginning

Das Haus war zu billig, und Stefan Keller hätte es wissen müssen. In einer Welt, in der nichts umsonst ist, hat ein Preis, der zu schön klingt, immer eine zweite, ungeschriebene Zahl, und die zahlt man später, in einer anderen Währung als Geld.

Aber an jenem ersten Nachmittag, als der Möbelwagen vor dem schmalen, hohen Haus am Ende der Lindenstraße hielt, dachte Stefan nur an das, was er gewonnen hatte. Drei Stockwerke. Ein Garten. Genug Platz, dass Juli endlich ihr eigenes Zimmer bekam und Marianne ihr Atelier, und das alles für eine Miete, die in der Stadt nicht einmal für zwei Zimmer gereicht hätte. Der Makler hatte am Telefon merkwürdig schnell zugesagt, beinahe erleichtert, und als Stefan nach dem Vormieter gefragt hatte, war eine kleine Pause entstanden, ein Loch in der Leitung, ehe der Mann sagte, das Haus stehe seit längerem leer. Stefan hatte nicht weiter gefragt. Man fragt nicht zu viel, wenn man ein Geschenk in den Händen hält.

Marianne spürte es zuerst. Sie war Malerin, sie lebte von dem, was andere übersahen, und schon als sie über die Schwelle trat, blieb sie stehen, die Hand am Türrahmen, und sagte: »Die Wände sind nicht gerade.« Stefan lachte und sagte, es sei ein altes Haus, kein altes Haus stehe im Lot, und sie lächelte und glaubte ihm, weil sie ihm glauben wollte. Juli, neun Jahre alt und voller Mut, rannte bereits die Treppe hinauf, und ihr Lachen hallte durch die leeren Zimmer, in denen es seltsam dumpf klang, als schluckten die Wände den Schall, ehe er sie erreichte.