Schatten über Berlin
Vertraut er seiner geheimnisvollen Klientin oder verdächtigt er sie selbst?
Beginning
Der Regen fiel auf Berlin, wie er im November immer fiel: ohne Eile, ohne Ende, ein grauer Vorhang, der die Gaslaternen in zitternde Lichtflecken verwandelte und die Stadt zu einer Spiegelung ihrer selbst machte. Emil Roth saß in seinem Büro im dritten Stock eines Hauses in der Friedrichstraße, die Füße auf dem Heizkörper, der seit zwei Tagen kalt war, und sah zu, wie die Reklame des Tanzlokals gegenüber rot durch die nasse Scheibe blutete. Es war die Stunde, in der ehrliche Menschen schlafen gingen und die anderen erst erwachten, und Emil Roth gehörte seit dem Krieg zu keiner der beiden Gruppen mehr.
Er war Privatdetektiv, was in diesem Berlin des Jahres 1928 bedeutete, dass er ein Mann für die schmutzigen kleinen Wahrheiten war, die niemand vor Gericht hören wollte. Untreue Ehemänner, verschwundene Erbschaften, Söhne, die im Morphium versanken — das war sein täglich Brot, und er hatte gelernt, es ohne Appetit und ohne Urteil zu essen. Sein Gesicht war schmal und müde, eine Zigarette schien immer daran zu kleben, und seine Augen hatten jene Farbe, die der Himmel über den Schützengräben gehabt hatte, ein Grau, das nichts mehr erwartete und gerade deshalb alles bemerkte.
Es klopfte. Drei Schläge, zögernd, eine Pause, dann ein vierter, fester. Roth nahm die Füße vom Heizkörper. Klienten, die nachts kamen, waren immer die interessanteren — und die gefährlicheren.