TellAria

Zwei Schwestern, ein Geheimnis

Teilen sie das Geheimnis oder zerreißt es ihre Beziehung?

Beginning

Der Regen hatte aufgehört, doch das Haus roch noch immer nach nasser Erde und welken Lilien. Drei Tage waren seit der Beerdigung vergangen, und die Stille in den Zimmern ihrer Mutter lag wie eine zweite, schwerere Decke über allem. Elsa stand in der Tür des Schlafzimmers und wagte nicht, einzutreten, als könnte sie mit jedem Schritt eine letzte Spur von Helene Brandt verwischen, die noch in der Luft hing. Die Vorhänge waren halb zugezogen, das Licht fiel grau und müde herein, und auf dem Nachttisch stand noch das halbleere Wasserglas, das niemand wegzuräumen gewagt hatte.

"Wir müssen irgendwann anfangen", sagte Marlene hinter ihr. Sie war die Jüngere, doch sie sprach mit der ruhigen Bestimmtheit einer Frau, die gelernt hatte, dass Aufschub nichts heilte, sondern die Dinge nur länger weh tun ließ. "Je länger wir warten, desto schwerer wird es. Glaub mir."

Elsa nickte, ohne sich umzudrehen. Zwischen den Schwestern hatte es immer dieses unausgesprochene Gleichgewicht gegeben: Marlene handelte, Elsa zögerte. Marlene war mit zweiunddreißig die Pragmatische, die Steuererklärungen pünktlich abgab und Beerdigungen organisierte, die Trauerkarten beantwortete und den Sarg aussuchte, während die Tränen anderen überließ. Elsa, mit sechsunddreißig, trug das Gefühl wie eine offene Wunde durch die Welt. Sie weinte im Supermarkt, wenn das Lied lief, das ihre Mutter gemocht hatte, und sie konnte tagelang nicht ans Telefon gehen, wenn ein Gefühl sie überwältigte. Sie hatten sich in den letzten Jahren entfremdet, langsam und ohne ein einziges lautes Wort, so wie zwei Kontinente auseinanderdriften, ohne es zu merken. Erst die Krankheit der Mutter hatte sie wieder unter ein Dach gezwungen, und jetzt, da Helene fort war, wussten sie nicht mehr, wie man miteinander im selben Raum atmete.