TellAria

Der Geiger der U-Bahn

Bleibt eine eilige Frau stehen, um zuzuhören, oder geht sie vorbei?

Beginning

Die U-Bahn-Station am Hauptbahnhof war an diesem Abend voller Menschen. Es war kurz nach sechs, und alle hatten es eilig. Die Leute strömten die Treppen hinauf und hinunter, mit Taschen in den Händen und Telefonen am Ohr. Niemand sah die anderen wirklich an. Jeder war in seiner eigenen Welt, in seinen eigenen Gedanken gefangen.

Mitten in diesem Lärm stand ein alter Mann. Er war klein und mager, und sein Mantel war alt und an den Ärmeln dünn geworden. Sein graues Haar fiel ihm in die Stirn, und sein Bart war seit Tagen nicht mehr gestutzt. Er stand dort, wo er fast jeden Abend stand, in der Ecke neben dem Kiosk, an der die Menschen am dichtesten vorbeiströmten. In seinen Händen hielt er eine Geige. Vor ihm auf dem Boden lag ein offener Geigenkasten, in dem nur ein paar Münzen glänzten. Der Mann hieß Anton, doch das wusste hier niemand. Für die Menschen, die vorbeigingen, war er nur ein Schatten an der Wand.

Anton hob die Geige an seine Schulter. Er schloss die Augen. Dann begann er zu spielen. Die Melodie war langsam und traurig. Sie klang wie eine Erinnerung an etwas, das man verloren hat und niemals zurückbekommen wird. Die Töne stiegen in die kalte Luft der Station und mischten sich mit dem Quietschen der Züge und den Schritten der Menschen. Doch die Musik war stärker als der Lärm. Sie füllte den ganzen Raum.