Tanz im Regen
Tanzen sie im Regen oder gehen sie getrennte Wege?
Beginning
Jule hasste den Regen. Regen bedeutete Unordnung – durchnässte Kleider, ruinierte Frisuren, verschobene Pläne. Und Jule liebte ihre Pläne. Mit dreißig Jahren hatte sie ihr Leben perfekt organisiert: ein gut bezahlter Job als Architektin, eine aufgeräumte Wohnung, in der jedes Ding seinen Platz hatte, ein durchgetakteter Kalender, in dem keine Minute dem Zufall überlassen blieb. Spontaneität war für Jule ein Fremdwort. Risiko war ihr Feind. Denn Jule hatte gelernt, dass das Leben weh tut, wenn man die Kontrolle verliert – sie hatte als junges Mädchen ihren Vater verloren, plötzlich, ohne Vorwarnung, und seitdem hatte sie sich geschworen, nie wieder von etwas überrascht zu werden, das ihr das Herz brechen konnte. Also kontrollierte sie alles. Und sie hasste den Regen.
An jenem Nachmittag im Frühsommer aber überraschte sie der Regen doch. Sie kam gerade aus einem Besprechungstermin, makellos gekleidet, den Schirm fest in der Hand, als der Himmel ohne Vorwarnung aufriss und ein warmer Sommerregen niederprasselte. Jule wollte gerade ärgerlich in ein Café flüchten, als sie ihn sah. Auf dem kleinen Platz vor dem alten Brunnen stand ein Mann, eine Gitarre umgehängt, und spielte – mitten im strömenden Regen, völlig durchnässt, und es schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Im Gegenteil: Er lachte, das Gesicht zum Himmel gewandt, und sang, als wäre der Regen die schönste Sache der Welt. Um ihn herum hatten sich ein paar Kinder versammelt, die mit ihm tanzten und durch die Pfützen sprangen.
Jule blieb stehen, gegen ihren Willen fasziniert. Sie konnte nicht verstehen, wie ein Mensch im strömenden Regen so glücklich sein konnte. Und dann, als der Mann sie bemerkte, geschah etwas, das Jules geordnete Welt für einen Moment aus den Angeln hob. Er hörte auf zu spielen, kam lächelnd auf sie zu, streckte ihr die Hand entgegen und sagte: "Wozu der Schirm? Der schönste Regen des Jahres, und du versteckst dich darunter. Komm, tanz mit mir." Jule starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. "Ich? Auf keinen Fall", sagte sie steif. "Ich bin auf dem Weg ins Büro." Doch der Mann ließ die Hand nicht sinken, und in seinen warmen, braunen Augen lag ein Funkeln, dem schwer zu widerstehen war. "Das Büro läuft dir nicht weg", sagte er. "Aber dieser Augenblick schon. Den gibt es nur jetzt, nur dieses eine Mal. Was hast du zu verlieren? Ein bisschen trockene Kleidung?"