Der falsche Zwilling
Konfrontiert er den Fremden oder beobachtet er ihn zuerst heimlich?
Beginning
Es regnete an dem Abend, als Nora ihre tote Schwester an der Tür stehen sah – oder die Frau, die aussah wie ihre tote Schwester. Nora hatte gerade den Tisch für ihr einsames Abendessen gedeckt, als es klingelte, und als sie öffnete, blieb ihr das Herz stehen. Vor ihr, durchnässt vom Regen, das dunkle Haar an die Wangen geklebt, stand Lara. Ihre Zwillingsschwester Lara, mit demselben Gesicht, das Nora jeden Morgen im Spiegel sah, denselben grünen Augen, demselben kleinen Muttermal am linken Mundwinkel. "Nora", flüsterte die Frau und brach beinahe in Tränen aus. "Gott sei Dank. Du musst mir helfen. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll."
Eine Welle von Gefühlen überrollte Nora – Freude, Schreck, eine alte, nie ganz verheilte Wunde, die wieder aufbrach. Drei Jahre. Drei Jahre lang hatte sie nichts von ihrer Schwester gehört, kein Wort, keine Karte, nichts. Und nun stand sie hier, als wäre keine Zeit vergangen, und bat um Hilfe.
Nora und Lara waren eineiige Zwillinge, doch ihre Wege hatten sich vor Jahren getrennt. Während Nora ein ruhiges, bescheidenes Leben führte – eine kleine Wohnung, ein einfacher Bürojob, wenig Geld, aber auch wenig Sorgen –, hatte Lara die große Welt gewählt. Sie hatte Viktor geheiratet, einen reichen, einflussreichen Geschäftsmann, war in eine Villa gezogen, hatte Schmuck und Reisen und ein Leben in Luxus. Die beiden Schwestern hatten sich entfremdet; Lara hatte Nora für ihre Bescheidenheit belächelt, Nora hatte Lara für ihren Ehrgeiz beneidet, und irgendwann hatten sie aufgehört, miteinander zu reden. Drei Jahre lang hatten sie kein Wort gewechselt. Und nun stand Lara plötzlich hier, mitten in der Nacht, und sah aus wie das Bild des Schreckens.