Nebel über der Brücke
Stellt er sich dem Nebel oder schließt er die Brücke für immer?
Beginning
Der Nebel an jenem Abend war der dichteste, den Rita je erlebt hatte. Er hing über dem Fluss wie ein nasses, graues Tuch, schluckte das Licht ihrer Scheinwerfer nach wenigen Metern und verwandelte die Welt in ein verschwommenes Nichts. Rita, achtunddreißig Jahre alt und nach einer langen Spätschicht im Krankenhaus todmüde, beugte sich angespannt über das Lenkrad und fuhr im Schritttempo, die Hände fest um das Steuer. Sie kannte diese alte Brücke über den Fluss gut; sie überquerte sie jeden Abend auf dem Heimweg. Aber heute fühlte sie sich an wie ein Tunnel ins Ungewisse, lang und einsam und unheimlich still.
Sie war etwa in der Mitte der Brücke, wo die Lichter der Stadt längst hinter dem Nebel verschwunden waren, als sie es sah – im letzten Augenblick. Eine Gestalt, mitten auf der Fahrbahn, direkt vor ihr. Rita trat mit aller Kraft auf die Bremse, die Reifen quietschten auf dem nassen Asphalt, und der Wagen kam schlitternd zum Stehen, keinen Meter vor der Gestalt. Ritas Herz raste. Im fahlen Licht der Scheinwerfer erkannte sie eine junge Frau, kaum mehr als ein Mädchen, vielleicht zwanzig Jahre alt, mit aufgelöstem Haar und einem Gesicht, das eine Maske aus Panik war.
Einen Moment lang saß Rita nur da, die Hände zitternd am Lenkrad, und versuchte zu begreifen, was beinahe geschehen wäre. Ein Meter weiter, und sie hätte einen Menschen überfahren. Bei diesem Nebel hätte sie die Frau niemals rechtzeitig gesehen, wäre sie nur ein wenig schneller gefahren. Der Gedanke ließ ihr den kalten Schweiß ausbrechen. Doch noch ehe sie sich sammeln konnte, war die Gestalt schon in Bewegung.