Das Gemälde lügt nie
Deckt sie das verborgene Bild auf oder schützt sie das berühmte Original?
Beginning
Das Gemälde hing seit über sechzig Jahren im großen Saal von Schloss von Stein, und niemand hatte je bemerkt, dass es ein Geheimnis verbarg. Bis Marlene kam.
Marlene Vogt war achtundzwanzig und eine der besten jungen Restauratorinnen des Landes, und als die Familie von Stein sie beauftragte, ihr berühmtestes Gemälde zu reinigen und zu restaurieren, war sie vor Ehrfurcht fast erstarrt. "Bildnis der Isabella" hieß das Werk – ein großes Ölporträt einer wunderschönen jungen Frau in einem tiefblauen Kleid, die ruhig und ein wenig wehmütig vor dem Hintergrund eines stillen Sees saß. Gemalt hatte es ein gewisser Viktor Adler, ein begabter, aber rätselhafter Künstler, der kurz nach der Vollendung des Bildes spurlos verschwunden war. Das Porträt galt als Meisterwerk und als der größte Schatz der Familie.
Die Geschichte hinter dem Bild war traurig und allgemein bekannt: Isabella von Stein, die schöne Frau auf dem Gemälde, war im Sommer 1961, nur wenige Wochen nachdem das Porträt fertig geworden war, im See des Anwesens ertrunken – ein tragischer Unfall, hieß es, beim abendlichen Schwimmen. Ihr Mann Konrad hatte das Bild seither wie eine Reliquie gehütet, und nach seinem Tod war es an seine Nachkommen übergegangen. Der heutige Hausherr, Richard von Stein, Konrads Enkel, hatte Marlene persönlich empfangen und ihr die Bedeutung des Werkes eingeschärft. "Behandeln Sie es wie rohe Eier", hatte er gesagt. "Es ist das Herz dieser Familie."