Die Stimme im Radio
Antwortet er der Stimme oder schaltet er das Radio für immer aus?
Beginning
Die Wohnung war zu billig, um wahr zu sein, und genau das hätte Jonas misstrauisch machen sollen. Drei Zimmer im obersten Stock eines alten Vorkriegshauses, mit hohen Decken und knarrenden Dielen, für die Hälfte der üblichen Miete. "Das Haus ist eben alt", hatte der Hausverwalter gesagt und dabei seltsam zur Seite geschaut. "Manche Leute halten es hier nicht lange aus. Aber Sie wirken mir vernünftig." Jonas, sechsundzwanzig, knapp bei Kasse und froh über jedes gesparte Geld, hatte den Vertrag unterschrieben, ohne lange zu fragen.
Die Vormieter hatten allerlei zurückgelassen, als hätten sie es eilig gehabt zu verschwinden. In einer Ecke des Wohnzimmers, unter einer Staubdecke, fand Jonas ein altes Röhrenradio – ein schweres, hölzernes Ding aus den fünfziger Jahren, mit einem stoffbespannten Lautsprecher und einem vergilbten Senderzeiger. Es war wunderschön auf seine altmodische Weise, und Jonas, der solche alten Dinge liebte, stellte es auf die Kommode und steckte den Stecker ein. Zu seiner Überraschung leuchtete die kleine Skala in warmem Bernstein auf, und ein leises Rauschen erfüllte den Raum. Es funktionierte noch.
Die ersten Tage in der neuen Wohnung vergingen ruhig. Jonas räumte ein, hängte Bilder auf, gewöhnte sich an das Knarren des alten Hauses. Nur nachts war etwas seltsam. Das Haus schien dann zu atmen – ein Ächzen in den Wänden, ein Tröpfeln in den Rohren, manchmal ein Geräusch wie ferne Schritte über ihm, obwohl er im obersten Stock wohnte und über ihm nur der Dachboden war. Jonas schob es auf seine Nerven. Alte Häuser, sagte er sich, sind nun einmal nie ganz still.