Der Berg ruft
Steigen sie weiter zum Gipfel oder suchen sie Schutz in der Hütte?
Beginning
Schon als Kind hatte Lena den Berg gesehen, jeden Morgen, vom Fenster ihres Großvaters aus. Der Hochfall – ein gewaltiger grauer Gipfel mit einer schroffen Nordwand und einer langen, geschwungenen Schneide, die sich wie der Rücken eines schlafenden Tiers durch den Himmel zog. "Eines Tages", hatte sie sich geschworen, "steige ich da hinauf." Nun, mit achtundzwanzig Jahren, stand sie endlich im Morgengrauen am Fuß des Berges, den Rucksack geschnürt, die Wanderstiefel fest verschnürt, und der Berg rief sie, so deutlich wie nie zuvor.
Das kleine Bergdorf schlief noch, als Lena durch die engen Gassen zum Wanderparkplatz ging. Nur in der Bäckerei brannte schon Licht, und der warme Duft von frischem Brot folgte ihr ein Stück den Weg hinauf. Die Luft war kühl und klar, der Himmel im Osten färbte sich rosa und golden, und über den Wiesen lag noch der Tau. Es war ein vollkommener Morgen für eine Bergtour – und doch hatte Lena ein leises, kribbelndes Gefühl im Bauch, eine Mischung aus Vorfreude und Ehrfurcht.
Am Rand des Parkplatzes saß ein alter Mann auf einer Bank, eine Pfeife im Mundwinkel, einen großen Hund zu seinen Füßen. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt, braun und faltig wie altes Leder. Er beobachtete Lena, wie sie ihre Ausrüstung ein letztes Mal überprüfte – die Karte, das Seil, die Stirnlampe, die Wasserflaschen, die warme Jacke. "Du willst auf den Hochfall, Mädchen?", fragte er, und seine Stimme war rau, aber freundlich.