Die letzte Bahn
Nimmt sie den dunklen Park oder den langen, beleuchteten Umweg?
Beginning
Die roten Rücklichter der Bahn verschwanden in der Dunkelheit, und mit ihnen Nadjas letzte Hoffnung, schnell nach Hause zu kommen. Sie stand auf dem leeren Bahnsteig, außer Atem vom Rennen, und starrte ungläubig auf die Gleise. Eine Minute. Eine einzige verfluchte Minute hatte gefehlt. Die digitale Anzeige über ihr flackerte und zeigte dann eine Zeile, die ihr den Magen zusammenzog: "Letzte Fahrt. Nächste Bahn: 05:14 Uhr." Es war kurz nach ein Uhr nachts. Bis zur nächsten Bahn würden über vier Stunden vergehen.
Nadja fluchte leise. Der Abend bei ihrer Freundin Mira hatte sich in die Länge gezogen, und sie hatte die Zeit vergessen, wie immer. Jetzt stand sie hier, in einem Vorort am anderen Ende der Stadt, weit weg von ihrer Wohnung. Ein Taxi konnte sie sich nach diesem Monat nicht leisten, und als sie es trotzdem versuchte, meldete sich die App nur mit der nüchternen Nachricht, dass in dieser Gegend zu dieser Uhrzeit keine Fahrer verfügbar seien. Ihr Handy zeigte außerdem nur noch elf Prozent Akku. Sie würde laufen müssen.
Sie zog ihren dünnen Mantel enger und stieg die Treppe von der Haltestelle hinunter auf die Straße. Die Nacht war kühl und still, eine jener Nächte, in denen die Stadt wie ausgestorben wirkt. Die meisten Fenster waren dunkel, die Geschäfte verriegelt, und nur das fahle Licht der wenigen Straßenlaternen, die noch funktionierten, zeichnete blasse Kreise auf den nassen Asphalt. Irgendwo bellte ein Hund, dann war es wieder still. Nadja kannte den Weg ungefähr; es waren vielleicht vierzig Minuten zu Fuß. Vierzig Minuten allein durch die nächtliche Stadt.