TellAria

Briefe aus der Vergangenheit

Sucht sie die alten Liebenden oder bewahrt sie das Geheimnis für sich?

Beginning

Ich heiße Hanna und ich unterrichte Geschichte an einem kleinen Gymnasium. Vielleicht ist es Berufskrankheit, dass mich alte Dinge mehr berühren als die meisten Menschen – ein verblasstes Foto, ein rostiger Schlüssel, eine Handschrift aus einer anderen Zeit. Wenn ich vor meiner Klasse von der Vergangenheit erzähle, sehe ich oft, wie die Schüler gähnen. Für sie sind das nur Zahlen und Namen in einem Buch. Für mich waren es immer Menschen, die gelebt, geliebt und gelitten haben. Doch bis zu jenem Herbst hatte ich nie geahnt, wie nah mir die Vergangenheit eines Tages kommen würde.

Im September war ich in ein altes Haus am Rand der Stadt gezogen. Es war günstig, weil es lange leer gestanden hatte, und es hatte einen Charme, dem ich nicht widerstehen konnte: hohe Decken, knarrende Dielen, ein verwilderter Garten. Die alte Besitzerin war vor Jahren in ein Heim gezogen und kürzlich gestorben; ihre Erben wollten das Haus nur noch loswerden. Vieles von ihrem Hausrat stand noch herum, und ich hatte mir vorgenommen, nach und nach aufzuräumen.

An einem regnerischen Samstag im Oktober nahm ich mir endlich den Dachboden vor. Es war kalt dort oben, und das Licht der nackten Glühbirne reichte kaum bis in die Ecken. Überall standen Kisten, alte Möbel, ein zerbrochenes Spinnrad. Ich arbeitete mich Stunde um Stunde durch den Staub eines fremden Lebens. Und dann, hinter einem wackeligen Schrank, fand ich eine kleine Holzkiste, mit einem schlichten Eisenschloss, das längst verrostet war.